Rilkes:“Der Schauende“

Seit ich in Waldorf-Schulzeittagen wöchentlich mein von meiner Epochenlehrerin mir eigens zugedachtes Gedicht vs. Mantra vor versammelter Klasse aufsagen durfte, und mir Selbiges dadurch gleichsam in Fleisch und Blut eingeschrieben wurde, bin ich von Gedichten aller Art zumeist fasziniert. Auch wenn viele Gedichte rein rationell nicht immer leicht entschlüsselbar sind, so versprühen doch die Klangfarbe der gewählten Wörter und der eigene Rhythmus der Sätze eine unverkennbare, besondere Melodie (Frequenz) vs. Magie, welche eine Ahnung von zarten Andeutungen und Inhalt des Werkes geben und auf ganz besondere Weise die Seele berühren können.

Eines meiner lieb gewonnenen Gedichte ist das Gedicht „Der Schauende“ von Rainer Maria Rilke, einem wahren Meister des Wortes. Einem Gedicht, wie ich meine, welches von Suche, Kontemplation und Stille, aber auch von stürmischen Zeiten, Wandlung, Naturgewalten und dem Spiel der höheren Mächten handelt. Einem Gedicht welches meiner Meinung nach derzeit besonders passend ist, aber vermutlich – wie jedes gute Gedicht – zeitlos ist:

Der Schauende

Ich sehe den Bäumen die Stürme an,
die aus laugewordenen Tagen
an meine ängstlichen Fenster schlagen,
und höre die Fernen Dinge sagen,
die ich nicht ohne Freund ertragen,
nicht ohne Schwester lieben kann.

Da geht der Sturm, ein Umgestalter,
geht durch den Wald und durch die Zeit,
und alles ist wie ohne Alter:
die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,
ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.

Wie ist das klein, womit wir ringen,
was mit uns ringt, wie ist das groß;
ließen wir, ähnlicher den Dingen,
uns so vom großen Sturm bezwingen, -
wir würden weit und namenlos.

Was wir besiegen, ist das Kleine,
und der Erfolg selbst macht uns klein.
Das Ewige und Ungemeine
will nicht von uns gebogen sein.
Das ist der Engel, der den Ringern
des Alten Testaments erschien:
wenn seiner Widersacher Sehnen
im Kampfe sich metallen dehnen,
fühlt er sie unter seinen Fingern
wie Saiten tiefer Melodien.

Wen dieser Engel überwand,
welcher so oft auf Kampf verzichtet,
der geht gerecht und aufgerichtet
und groß aus jener harten Hand,
die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
Die Siege laden ihn nicht ein.
Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte
von immer Größerem zu sein.

Rainer Maria Rilke

Rilke-Gedichte wurden ja schon vielfach vertont und so gibt es hier die unterschiedlichsten Interpretationen.

Mir persönlich gefällt am besten die Interpretation des österr. Schauspielers Oskar Werner, welcher eine unverkennbare Stimme und eine ganz besondere Begabung hatte.

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